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Weil wir alle an einem Strang ziehen – oder? Gedanken über das Miteinander im Pole-Sport

Lydia Dittlein

Von Lydia Dittlein

Bei mir läuft es immer gleich ab: Ich stretche und dehne und ziehe und zerre, aber mein Mittelspagat wird nur minimal besser. Und scheinbar geht es, einem prüfenden Blick nach links und rechts zu urteilen, auch noch nur mir so! Bei allen anderen lassen die enormen Fortschritte scheinbar nicht lange auf sich warten. Und nach dem Training wird mir dann auch noch ein Foto des perfekten Spagats auf Facebook unter die Nase gehalten. Und dasselbe Phänomen ist auch bei den vielen weiteren Tricks Trainingsalltag: Man wird immer besser – aber es gibt immer jemanden, der besser ist. Oder gelenkiger. Oder stärker. Oder im schlimmsten Fall auch alles zusammen. Und der sich am Ende sogar noch viel weniger dafür anstrengen muss.

Es liegt wohl in der Natur des Menschen sich mit anderen zu vergleichen. Das Höher-Schneller-Weiter-Prinzip sozusagen. Das muss prinzipiell nichts Schlechtes sein, wenn andere Menschen, in diesem Fall Sportler, inspirieren und anspornen. Leider ist jedoch gerade im Sport oft das Gegenteil der Fall und aus dem Vergleich des eigenen Könnens mit dem der anderen wird Missgunst und sogar Konkurrenz. Dieses Gegeneinander ist nicht nur im Wettkampf-oder Performancebereich gegenwärtig, auch Trainer – und dabei spreche ich ausdrücklich nicht nur von Pole-Trainern, so ein sonderbares Volk sind wir auch wieder nicht – treten in regelrechte Wettstreite mit anderen Schulen und deren Dozenten. Dabei ist gerade das Miteinander im Sport eines der bereichernden Elemente, die, natürlich neben den vielen Muskeln und dem resultierenden Astralkörper, die ganze Anstrengung für uns bereit hält.

Ich will nicht lügen: Ich beneide die Pole-Tänzerinnen, die von Haus aus sämtliche körperliche Voraussetzungen haben sich die Flexibilität anzutrainieren, die meine anatomische Beschaffenheit – seien wir ehrlich – niemals hergeben wird. Und ich will mich selbstverständlich auch quengelnd auf den Boden setzen wenn andere den Handspring beim ersten Versuch schaffen, während ich mich immer wieder eher wenig grazil an der Stange versuche hochzuwuchten. Ich habe inzwischen gelernt darüber zu lachen (und man glaube mir: Es sieht zum Lachen aus...). Neben den vielen humoristischen Fehlversuchen ist jedoch der entscheidende Punkt: auch wenn die anderen vielleicht viel beweglicher sind oder imposantere Tricks können, so ist mein Erfolg, für den ich hart trainiert habe, für mich nicht weniger wertvoll. Als ich das erste Mal den „Superman“ geschafft habe, kam ich mir vor wie eine „Superwoman“. Bis ich den Schmerz am Oberschenkel realisiert habe.

Zurück zu den vielen großen und kleinen Polestars, den Wettkampfteilnehmern, den Performern und Lehrern: Die Bandbreite dieser Menschen mit ihrem unterschiedlichem Können und ihren Qualitäten bietet gute Vorbilder und einen Ansporn selbst im Rahmen der eigenen Möglichkeiten neue Schritte zu gehen und die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Workshops, bei denen wir an unsere Grenzen kommen und die uns mitunter frustrieren, bringen uns dennoch weiter, auch wenn das was für den Einen unerreichbar, für den Anderen wie ein Kinderspiel scheint. Die Atmosphäre auf Meisterschaften, umgeben von so vielen unterschiedlichen Menschen, die alle dasselbe Ziel haben und der selben Leidenschaft nachgehen und dabei über sich hinauswachsen, kann so ergreifend und euphorisierend sein – sofern zumindest der Großteil der Anwesenden den olympischen Gedanken verstanden hat. Denn auch wenn natürlich jeder Teilnehmer den Pokal oder die Medaille will, so ist doch in erster Linie der Ansporn, das ultimative Maximum aus dem eigenem Können rauszuholen, mit der eigenen Kreativität zu begeistern und der Austausch mit anderen Sportlern das, was diese Events so magisch macht. Meine besten Choreographien habe ich auch früher noch als Hip-Hop-Lehrerin meist nach Meisterschaften entwickelt. Die „Miss Pole Dance Germany & Globe“ im Juni dieses Jahres hat mir, allein vom Zusehen und Mitfiebern, einen unglaublichen Ansporn gegeben, selbst noch härter an mir zu arbeiten und meine Möglichkeiten auszuschöpfen.

Das ist das Besondere am Sport. Und es ist das Besondere am Pole-Sport: Wir haben alle das gleiche Ziel: Wir wollen alle besser werden und über uns hinauswachsen. Wir wollen unseren Sport, der uns so begeistert, in der Welt in allen seinen Facetten bekannt machen und andere Menschen mit dieser Leidenschaft anstecken. Wir wollen als Sport anerkannt werden, ja und irgendwann vielleicht sogar olympisch sein.

Dieser Weg geht sich am besten gemeinsam. Und am lustigsten auch, wenn man zusammen über unsanfte Po-Plumpser lacht und sich dann gegenseitig hilft. Ich habe in letzter Zeit so viele positive Erfahrungen mit Trainerkollegen gemacht, die mich annehmen lassen, dass der Pole-Sport auf einem guten Weg ist.

Wir tanzen aus so vielen verschiedenen Gründen – für mich ist einer der wichtigsten mich mit anderen Menschen bei etwas, das mich begeistert, verbunden zu fühlen. Und mit viel Miteinander werden wir und unser Sport sicher auch bald unsere nächsten kleinen und großen Ziele erreichen. Für mich bleibt´s erst mal ein halbwegs sauberer Mittelspagat. Und der Russian Split.


Lydia Dittlein ist die Inhaberin der Moving Art Studios in Kaufering. Als ganzheitliche Ernährungsberaterin sowie Instructor für Pilates und Zumba hat sie zudem Qualifizierungen als staatlich anerkannte Erzieherin, Managerin von Sozial- und Gesundheitsbetrieben (MA) und als Sozialarbeiterin (BA).

Foto: Andreas Liedl (Moving Art Images)

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