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Die Kolumne von Nadine Rebel: Und wann bin ich Profi?

Die Kolumne von Nadine Rebel: Und wann bin ich Profi?

Am Ende einer Schnupperstunde stellte eine Teilnehmerin, die vorher noch nie an der Pole war, folgende Frage: „Und wenn ich dann den Grundkurs A gemacht habe, dann bin ich Profi, oder? Also dann kann ich auftreten? Also mir geht es darum! Wozu soll ich den Sport sonst machen, wenn ich ihn nicht so schnell wie möglich vorführen kann, um damit zu beeindrucken.“
Es mag sich jeder denken, was er möchte – tatsächlich brachte mich diese Frage zum Nachdenken. Wann darf man sich als Profi bezeichnen und macht ein Iron X einen Profi aus?

Der Anfang
Am Anfang ist alles neu und der Weg zum Profi scheint mindestens so lang wie der Abstand der Erde zum Mond groß ist.
Beginnt man im Pole-Sport, womöglich noch ohne Tanz- oder Akrobatik- oder Turnerfahrung, auf die man zurückgreifen kann und auf der sich aufbauen ließe, so ist alles fremd.

Jeder Handgriff muss erlernt werden, anzusprechende Muskelgruppen scheinen nicht vorhanden zu sein und oftmals fragt man sich, warum man den Sport überhaupt ausübt, wenn es doch in manchen Figuren einfach nur weh tut.
Dazu kommen die blauen Flecken, der quälende Muskelkater, die Hautabschürfungen und Schwielen an den Händen, ganz zu schweigen von dem Gefühl, dass man einfach nur doof aussieht.

Irgendwie scheint einem die Pole manchmal mit verächtlichem Grinsen sagen zu wollen, dass man eben doch mehr in die Kategorie „clumsy elephant“ gehört als in irgendeine andere Kategorie, deren Namen sehr viel schmeichelhafter sein könnten...

Der Unterschied zwischen Können und Verinnerlichen
Und dann wird es langsam besser. Man muss nicht mehr nach 30 Minuten aufgeben. Man schnauft nicht mehr wie eine alte Dampflok. Der verspannte Gesichtsausdruck, Zeichen der großen Anspannung und vollen Konzentration, weicht ab und an einem Lächeln, welches zeigt, dass einem diese Sportart doch irgendwie Spaß zu machen scheint und nicht nur harte Arbeit bedeutet.
Drehungen werden besser, man merkt sich mehr als zwei Figuren auf einmal, man verinnerlicht die Namen, man zeigt vielleicht schon einmal die eine oder andere Figur einem Freund oder einer Freundin.

Unter Umständen bekommt man dann zu hören, dass man schon wirklich was „könne“. Da hätte man aber ordentlich was gelernt! Eine ganze Menge an Drehungen und Figuren, mitunter sogar vielleicht schon ein paar Tricks aus der Kategorie „Advanced“.
Und wenn man dann dieses Feedback bekommt, dann möchte man platzen vor Stolz.

Man darf sich zu Recht auf die Schulter klopfen, sich freuen und auch stolz auf sich sein. Und daran, dass man nun schon eine ganze Menge „kann“, beißt die Maus auch keinen Faden ab.
Dennoch ist man vom Profi, vom Tänzer/ von der Tänzerin, von einer Person, die den Sport lebt und verinnerlicht hat, noch Lichtjahre entfernt.

Die Technik wurde verstanden und kann abgearbeitet werden, die Kraft dazu ist vorhanden, die Kondition reicht aus, aber das macht noch lange keinen Profi und noch lange keinen Tänzer aus.

Diese Worte schmerzen. Sie tun weh und man mag sie nicht hören.
Das ist mehr als verständlich!

Vielleicht hilft es, wenn ich an dieser Stelle betone (falls es dem Leser oder der Leserin noch nicht aufgefallen sein mag), dass ich aus Erfahrung spreche. Dass ich all diese Schritte selbst gegangen bin?

Ich habe geflucht und geweint, die Pole getreten und mich dabei nur selbst verletzt, mich mehr als 1000 Mal wie ein tollpatschiger Elefant im rosa Tütü gefühlt, nicht hören wollen, wenn ich gut gemeinte Ratschläge bekam. Diese abgetan unter der Rubrik „Ratschläge sind auch Schläge“ – nur, um sie dann ein oder zwei Tage später doch anzunehmen und weiter zu machen. Nur um von vorne anzufangen und mir neue blaue Flecken zu holen, nur, um nicht aufzugeben.

Und so wurde das Repertoire immer größer und die Bandbreite der Figuren umfassender und dennoch schien (und scheint es manchmal immer noch!) etwas zu fehlen.

In manchen Videos, denen man sich begeistert und fast beseelt hingab, war es.
Es.
Das Quäntchen, welches aus einer Drehung einen grazilen Elfenflug zu machen scheint. Der Hüftschwung, dessen subtile Sinnlichkeit man selbst auch gerne ausstrahlen wollen würde. Die Handbewegung, die die Haltefigur mit der Musik eins werden lässt und eine Geschichte der Seele erzählt.

Aber wie kann man das trainieren? Warum haben das einige und andere nicht?
Man mag das Gefühl haben, dass man die Drehung oder Haltefigur technisch genauso perfekt ausführen würde wie die Person, deren Video man gerade gesehen hatte. Aber irgendwie war es doch anders.

Das ist der Unterschied zwischen Können und Verinnerlichen.
Das Können kommt recht früh. Je häufiger man trainiert, je mehr Zeit man investiert, desto früher ist es da. Das ist einfach und fast zu berechnen.

Das Verinnerlichen gelingt nur dann, wenn man den Weg zur Seele freimacht.
Wenn man in eine Bewegung die Freude, die Trauer, die Wut, die Verzweiflung, die Koketterie – im Grunde all das legen kann, was man mit sich in der Seele herumträgt. Dann fängt man an, sich die Bewegungen zu eigen zu machen und zu verinnerlichen. Dann besitzt man die Bewegungen und kann sie Eigentum nennen. Und erst dann kann man beginnen, den Weg zum eigenen Stil zu beschreiten, der einen Könner vom Profi unterscheidet.

Dann ist der Anfang gemacht.

Könnensrepertoire eines Profis
Es könnte sein, dass dies der Absatz ist, der mit der größten Spannung erwartet wurde.

Wo ist die Checkliste? Welche Figuren muss ich können, damit ich mich als Profi bezeichnen kann? Sind es die Figuren, die in der Kategorie „Professional“ gefordert werden, wenn ich mich für den Wettkampf A oder die Competition B oder den Cup C bewerbe? Sind es andere?

Gehört das Iron X auf alle Fälle dazu? Muss ich den Frauenspagat oder den Männerspagat können, oder beide?
Welche Liste werde ich finden?

Keine.

In diesem Artikel geht es mir um etwas ganz Anderes.
Eine Liste von Poletricks wie dem Shouldermount, der Ayesha, dem Inside Leg Hang, dem Outside Leg Hang, dem Deadlift, dem Phönix, dem Eagle und all diesen Tricks und Spins würde meines Erachtens vom Fokus des Beitrags ablenken.

Ja, ich bin schon der Meinung, dass sich eine Person, die gerade mal 3 Drehungen und 2 Haltefiguren kann, kaum Profi nennen kann.

Doch die Krux an der Sache ist die, dass umgekehrt leider doch ein Schuh daraus wird.
Denn ein wirklicher Profi kann mit 3 Drehungen und 2 Haltefiguren durchaus eine atemberaubende Show abliefern, aber das hat andere Gründe.

Meine persönliche Definition von Profi
Muss einem Profi immer alles gelingen? Nein. Im Gegenteil! Gerade einem Profi gelingen oft viele Dinge nicht. Aber das kennt er. Ein Profi hat schon so viele gute und schlechte Trainingstage hinter sich, dass diese Erfahrung ihn gelassener werden lässt. Ein Profi arbeitet nicht mehr ab. Ein Profi lebt den Sport.

Ein Profi muss vor allem eins: Sich selbst kennen und einschätzen können.
Und das bezieht sich auf die Psyche und den Körper.

Ein Profi kann einen „good-grip-day“ von einem „bad-grip-day“ unterscheiden. Ein Profi unterlässt an einem „bad-grip-day“ einfach die schwierigsten Figuren, selbst wenn es Signatur Tricks sind.

Ein Profi hat sich ein so großes Repertoire aufgebaut, dass er/ sie ausweichen kann. Ein Profi weiß, welche Figuren und Drehungen ihn oder sie repräsentieren.

Ein Profi weiß, dass das Publikum immer auch ein bisschen Voyeurismus mitbringt und befriedigt diesen in ganz kleinen Dosen.

Ein Profi zeigt durch seine/ ihre Art des Tanzes ein Stück der Seele und der eigenen Lebensgeschichte – allerdings nur soviel, wie ihm oder ihr selbst guttut.

Ein Profi braucht das Publikum und gibt dem Publikum den Glauben, dass es ihn oder sie ebenso braucht.

Ein Profi schafft es, das Publikum immer ein bisschen hungrig zurückzulassen.

Ein Profi kann sich selbst überzeichnen, ein Profi kann über sich lachen, ein Profi kennt die Musik, die aus dem Tanzstück Kunst zu machen scheint, einem Profi merkt man nicht an, welche Stimmung im Inneren herrscht, wie viele Dinge gerade nicht geklappt haben und welche Sorgen einen belasten.

Charisma und Inspiration
Der Weg zum Profi ist somit nie abgeschlossen. Manchmal kann das ermüdend sein, manchmal euphorisierend.

Wenn man monate- oder jahrelang an einem Trick arbeitet und nicht weiterzukommen scheint, dann ist es ermüdend, ernüchternd, frustrierend.
Wenn man die Sache so sieht, dass der Sport niemals auch nur eine Spur von Langeweile mit sich bringen wird, weil die Entwicklung zum Profi eben nie abgeschlossen sein wird, dann kann es euphorisierend sein.
Oftmals ist es eine Mischung aus beiden Empfindungen.

Können macht keinen Profi aus. Ein Profi ist ein Künstler, der professionell agiert.
Dessen Liebe zum Sport ungebrochen sein wird, selbst wenn die Pole manchmal einem gewalttätigen Partner gleichzukommen scheint.

All das legt ein Profi in seine Bewegungen, in seine Performances, in sein Training.
Beenden wir diesen Beitrag also mit der Wiederholung der Frage: „Und nach einem 6-wöchigen Grundkurs bin ich dann Profi, oder?“

„Inside my heart is breaking, my make-up may be flaking, but my smile still stays on.“ - Queen – Show must go on

Eure Nadine Rebel

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