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Die Kolumne von Nadine Rebel: Pole Dance ist Therapie

„Der Pole Sport hat etwas in mir wiederbelebt, von dem ich dachte, dass es für immer gestorben wäre...“ – so ein Zitat einer Kundin, welches Ähnlichkeit mit verschiedenen anderen Aussagen aufweist. Da werden die Kursstunden als wöchentliche Auszeit des Alltags beschrieben, als Ort, wo man ganz selbst sein kann, als Zeit, die man nur persönlich für sich nutzt. Man bemerke, wie sich das Selbstvertrauen wieder einstellen würde, wie sich die Körpersprache hin zu Aufrichtigkeit und Stolz verändern würde. Und ja – nicht zuletzt nehme man sich durch den Pole Sport (wieder) weiblicher, sinnlicher, sexier wahr und bekäme auch diese Rückmeldungen von außen. Pole als Therapie? Woher kommen diese Aussagen und was macht der Pole Sport mit uns? Mit unserem Körper – aber eben auch mit unserem Geist?

Emanzipation oder Gleichmacherei

In allererster Linie ist der Pole Sport zunächst einmal ein Sport. Ein Tanzsport. Eine akrobatische Form des Tanzens und des Sich-Bewegens. Was hat das nun mit Emanzipation zu tun? Einige Poletänzer und Poletänzerinnen kennen mit Sicherheit den Online-Artikel der Zeitschrift EMMA, der die Gemüter der Szene eine ganze Zeitlang erhitzt hat. Hier wird der Pole Sport als Sport zunächst mal gleich dementiert. Nichts hätte er zu tun mit all den anderen Sportarten. Frauen würden sich nur mit gespreizten Beinen um die Stange winden (wie das gehen soll ist mir schleierhaft – aber nun gut). Auch die positiven Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein und die elegantere Körpersprache werden zu Anfang sofort auf das Heftigste dementiert, die Notwendigkeit knapper Kleidung auf das Schärfste kritisiert. Scheinbare Prämissen würden den Frauen von Männern verkauft werden und mit Sport hätte es nichts zu tun, wenn man sich halb nackt um eine Stange räkeln würde. Vielmehr wäre es ein erneuter Sieg der „Sexy Diktatur“. Auch die Lobeshymnen auf den Sport würden fast ausschließlich von Männern geschrieben – so die Autorin, die sich allerdings die Frage stellt, ob sie vielleicht selbst zu verklemmt wäre. Dann werden Aussagen gemacht, dass Striptänzerinnen nur betrunken auf die Bühne gehen könnten, damit sie die Niedertracht dessen, welche sie dort tun würden, überhaupt ertragen könnten. Pole Dance wird als Sport-Porno bezeichnet und den Abschluss des Artikels bildet die Aussage, dass man dann ja auch gleich „Walking auf dem Straßenstrich“ anbieten könne. Abgesehen davon, dass ich persönlich diese Zeilen nicht zusammenfassen kann, ohne dass ich merke, wie latent die Wut wieder über soviel Unverständnis in mir hochkocht, so fällt doch auch die Vermischung der verschiedensten Bereiche gipfelnd in einem Rundumschlag auf: Sexy-Diktatur der Männer an die Frauen, der Zwang zu knapper Kleidung und letztendlich die Verwechslung von Table-Dance in Striptease-Bars mit dem Pole Sport, wie er in Pole Studios angeboten wird.

Die Zeitung „Emma“ als Sinnbild der Emanzipationsbewegung. Warum kann gerade diese Zeitung, respektive die Autorin des Artikels, den Unterschied nicht erkennen? Ist es so schwer vorstellbar, dass Frauen sich diesen Sport bewusst aussuchen? Selbständig? Emanzipiert? Unbeeinflusst? Könnte es nicht sein, dass vielleicht gerade die Frauen, die in knallharten Jobs ihren „Mann“ stehen müssen, sich einen kleinen privaten und geschützten Rückzugsort wünschen, in welchem sie sich auf die Suche nach ihrer vielleicht verloren geglaubten Weiblichkeit begeben wollen? Und das, weil sie es wollen? Weil sie es selbst, frei und emanzipiert so gewählt haben? Weil sie wissen, dass sie es für sich tun und ihnen niemand zusieht?

Sinnlich und sexy ist unprofessionell

Sexy-Diktatur der Männer? Darüber musste ich schon ein wenig schmunzeln – kenne ich doch viel eher die Bedenken einiger Freunde und Lebenspartner, wenn ihre Freundin, Ehefrau, Lebensabschnittsgefährtin ihnen mitteilt, dass sie jetzt mit Pole Dance anfangen würde. Das gefällt vielen zunächst einmal gar nicht. „Mein Freund hat ein Problem damit!“ – „Mein Mann findet das nicht so toll und hat Angst, dass ich vielleicht dann auch noch mit dem Strippen anfangen will!“ – Lächerlich. Diese Bedenken weichen sehr schnell, zu positiv sind die Ergebnisse. Nein, die Frau verändert sich nicht zur Prostituierten und sie kündigt auch nicht ihren Job, in welchem sie ihren „Mann“ stehen muss. Sie geht lediglich ein oder mehrmals in der Woche zum Sport und lernt dort eine Sonderform des Tanzens. Punkt. Und ja – dabei kann es sogar vorkommen, dass sie die Sinnlichkeit und Ausdrucksfähigkeit ihres eigenen Körpers (wieder-)entdeckt, dass sie lernt, stolz auf sich zu sein, weil sie Grenzen überwindet, dass sie mit Selbstrespekt anerkennt, wie stark sie ist. Wann wurde sexy, sinnlich, charmant und eventuell sogar ein wenig „kokett“ eigentlich zur Unart für Frauen? Wann und wo wurde uns das verboten und vor allem warum?

Ich persönlich glaube ja viel eher, dass es eine Anti-Sexy-Diktatur gibt. Argwöhnisch wird die Absatzhöhe der Frau beim Meeting bemängelt, anstatt ihr zuzuhören, was sie zu sagen hat. „Die schminkt sich jeden Tag!“ – ein Vorwurf. Warum? Da kommt das Feedback eines Mannes zur Kollegin (so erlebt in meiner Tätigkeit als Unternehmensberaterin bei einem Seminar zum Thema „Präsentationstechniken“), dass ihr Vortrag toll gewesen wäre, mitreißend, ein roter Faden sich klar durch den ganzen Vortrag gezogen hätte, sie komplizierte Sachverhalte toll dargestellt hätte, aber dass ihre Ohrringe zu groß seien!“ (und nein, das war nicht scherzhaft gemeint) Was soll man dazu sagen? Nun, wenn ich die Wahl habe, mit einem professionell, hochkompetenten zwischenmenschlichen Vollpfosten und Langweiler (egal ob männlich oder weiblich) zu verhandeln und zu arbeiten, oder mit einer Person, die diese Professionalität und Kompetenz durch Charme, Koketterie und vielleicht sogar einer Spur Sinnlichkeit abrundet, dann lieber Letzteres. Wer schön ist, kann nicht klug sein? Wer sich sinnlich bewegt, kann nicht tough sein? Wer etwas auf sich hält und einen guten Ruf zu verteidigen hat, der macht kein Pole Dance? Wer sich sexy bewegt ist eine Prostituierte?

Der Außendruck

Das Problem ist, dass dieser Außendruck der Gesellschaft schon mit Beginn der Emanzipationsbewegung zu wachsen begann. Sicherlich war es ein Befreiungsschlag für Frauen, sich der Büstenhalter entledigen zu dürfen – sicherlich auch nicht ungern gesehen von einigen Männern, als sich Nippel unter den T-Shirts wieder einfach so abzeichneten, ohne dass man einem Wet-T-Shirt-Contest beiwohnen musste. Aber wann wurde daraus die „Lila-Latzhosen-Bewegung“, die den Frauen die Weiblichkeit abzusprechen versuchte? Eine Frau ist weiblich. Punkt. Schon per Definition. Schon rein biologisch. Wenn man anfängt, das „Weibliche“ als schlecht darzustellen mit all den Facetten, die sie mit sich bringt, dann führt dies doch eine Emanzipationsbewegung ad absurdum, oder?

Große Empörung herrscht, wenn ein Professor weiblichen Studentinnen untersagt, sich in die erste Reihe im Hörsaal zu setzen, weil er angeblich den Menstruationsgeruch nicht ertragen könne, aber wenn eine Frau für sich selbst entscheidet, dass sie gerne mal in superhohen High-Heels tanzen möchte, in einer Gruppe mit anderen Frauen zusammen, in einem geschützten Raum, ohne Zuschauer, dann ist das böse und verwerflich und ein Beweis für die von Männern verordnete Verpflichtung zum Sex-Objekt? Ich verstehe es nicht. Genug wurde geschrieben über die herrschenden Vorurteile über den Pole Sport, die im Übrigen gar nicht mehr so präsent sind und immer mehr abebben. Dieses Thema soll nicht wieder durchgekaut werden. Wovor haben einige Frauen (die Autorin des Emma-Artikels) und vielleicht auch einige Männer eigentlich Angst, wenn Frauen mit Pole Dance anfangen und sich dadurch auf einmal anders wahrnehmen, anders bewegen? Wer aber sollte solch einer Person noch den Schneid abkaufen können? Ist es vielleicht nicht sogar viel eher die Angst vor zu viel Macht durch das gestärkte Auftreten? Könnte das es sein?

Wenn eine Person mit sich im Reinen ist und erkennt, welche Fähigkeiten sie hat, diese Fähigkeiten ausbaut, lieben lernt, in vielen Bereichen kompetenter wird (und der Umgang mit dem eigenen Körper ist einer dieser Bereiche), dann wird sie stark. Dann wird sie stolz. Dann steht sie für sich ein. Dann lernt sie, sich zu vertrauen, sich zu lieben.

Entdeckungsreise

Am Anfang ist Pole ernüchternd. Weder sinnlich, noch sexy. Es tut weh. Man ist fix und fertig. Man fühlt sich zunächst einmal eher wie der (ebenfalls schon zitierte) Elefant im Tutu. Weiblichkeit? Sinnlichkeit? Tänzerischer Ausdruck? Fehlanzeige. Und wenn man dann dabei bleibt, dann lernt man sich kennen. Dann entdeckt man, zu welchen Leistungen man fähig ist, dann lernt man sich im wahrsten Sinne des Wortes aufzurichten und den Kopf stolz oben zu tragen. Dann bemerkt man auf einmal, wie viel Ausdruckskraft in Schultern, Händen, Po, Beinen, Becken – ja, in einer simplen Handbewegung – stecken kann und dann fängt man an, damit zu spielen. Da dieser Lerneffekt aber nie im Vordergrund steht, nie als „Muss“ vorgeschrieben ist und der Fokus tatsächlich auf dem sportlichen Workout liegt, fühlt man sich nicht unter Druck gesetzt. Sexyness ist eben KEIN Muss für den Pole Sport. Ein Kann, eine Wahlmöglichkeit, ein Buffet an welchem man sich bedienen kann, wenn man möchte, was man aber auch lassen kann, wenn man satt ist. Und weil diese Offerte als Selbstverständlichkeit im Raum steht und unaufdringlich präsent ist, darf man sich auch mal trauen. Man kann ausprobieren und Schuhe tragen, welche durchaus mit keinem anderen Outfit straßentauglich wären. Einfach so. Weil es Spaß macht, weil damit KEIN Leistungsdruck verbunden ist. Weil man mit seiner Weiblichkeit spielen darf, aber nie verpflichtet ist, es tun zu müssen. Möglichkeiten fernab jeglicher Diktatur. Und weil es reizt und weil es (meiner bescheidenen Meinung nach) natürlich ist, dass Frau auch Frau sein will, kann sie Dinge ausprobieren, ohne Angst haben zu müssen Fehler zu machen. Und wenn es doof aussieht, dann kann man sich entscheiden es zu lassen oder es weiter zu üben. Und niemand schreibt einem vor, dass man den sexy Hüftschwung aus Kursstunde XY mit auf die „Straße“ nehmen muss. Wenn man will, kann man es mal versuchen, wenn man sich nicht sicher ist, dann lässt man es.

Die Ganzheitlichkeit

Ist Pole auch Therapie? So lautete die Frage oder These, die anfänglich im Raum stand und dort immer noch steht. Für den einen oder anderen vielleicht. Für wieder andere überhaupt nicht. Es kann heilsam sein, sich in seiner Ganzheitlichkeit mit all den vielen Facetten, die man meinte gar nicht zu besitzen oder verloren zu haben, zu entdecken oder wiederzuentdecken. Es kann auch einfach nur ein Sport sein.

Eure Nadine Rebel

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