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Die Kolumne von Nadine Rebel: Dieser Move ist der Mühe nicht wert

Die Kolumne von Nadine Rebel

Die Überschrift der heutigen Kolumne ist gleichzeitig auch die Aussage einer lieben Kundin von mir. Sie sieht sich immer zuerst das Bild der „fertigen“ Figur an und entscheidet anhand dieser gnadenlos, ob sie den Trick erlernen will, oder nicht. Empfindet sie die Figur als nicht schön, dann fällt ohne Zögern das Urteil: „Nö, den finde ich nicht schön. Dieser Trick ist der Mühe nicht wert!“

Wer dahinter mangelnde Motivation vermutet oder eine gut getarnte Ausrede für Faulheit erahnt, der irrt gewaltig. Denn umgekehrt funktioniert das Vorgehen genauso. Empfindet besagte Kundin eine Figur als schön und ästhetisch, ihrem persönlichen Geschmack entsprechend, so kann sie durchaus auch mal ein halbes Jahr und länger immer wieder mit den typischen blauen Flecken, der Wut, der Frustration, dem „Fast-Erreichen“ verbringen und ist von ihrem Ziel nicht abzubringen... (um es dann meist auch zu erreichen!)

Anfangs war ich sehr erstaunt, dann ein wenig neidisch. Als Trainerin muss ich - so zumindest mein Anspruch - mindestens theoretisch wissen, wie (am besten) jeder Trick und jeder Move funktioniert. Ich kann natürlich nicht jeden Trick und das wird auch nie so sein, aber ich möchte doch meinen Kunden und Kundinnen die Hilfestellung geben, die sie von mir erwarten dürfen (physisch und theoretisch).

Als Trainerin steht mir diese gnadenlose Einteilung also gar nicht zu, wohl aber jeder Person, die den Polesport für sich betreibt. Und so sollte jeder Tanz mit und an der Stange ein Ausdruck der ganz persönlichen Leidenschaft sein, eine Hingabe an ausschließliche Lieblingsfiguren.

Alethea Austin, die ich im Buch Poledance Passion auch portraitieren und im Sommer 2013 persönlich kennenlernen durfte, prägte einen anderen Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: „It took me one year to get the strength to do the things I wanted to do and another year to find my own style.“

Wir haben viel über diesen Satz gesprochen.

Auf der Suche nach dem eigenen Stil ist „Nein“ das wichtigste Wort. Vieles lässt sich technisch (einwandfrei) erlernen. Vieles kann man können – aber nicht jeden Trick, nicht jeden Move kann man mit Leben füllen.

In diesem Sinne kann man auch mal „Nein“ zu einer Figur sagen, die weder dem eigenen Stil entspricht, noch gefällt. Die Modewellen der monatlichen Pole-Challenges, die sich durch die sozialen Netzwerke ziehen, können ein eindrucksvolles Beispiel für diese Wahlmöglichkeit darstellen. Man kann mitmachen, man kann es aber auch lassen. Man kann die Inspiration dahinter sehen, aber man muss sich auch nicht schämen, wenn man eventuell nach Ausprobieren der ein oder anderen Figur feststellt: „Das wird nie meine Figur werden!“

So kann man sich vom Leistungsdruck verabschieden und seinen eigenen Stil finden - und ein eigener Stil hat selten etwas mit dem Abarbeiten schwieriger Figuren zu tun!

Das, was einen atemberaubenden Tänzer und eine atemberaubende Tänzerin ausmacht, ist nicht die Anhäufung technisch perfekten Könnens, sondern die Fähigkeit die Tricks und Figuren zum Leben zu erwecken und den Zuschauer und die Zuschauerin auf eine Reise ins Poleland zu entführen.

Nadine Rebel

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